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Fast 6 Jahre unentdeckt – die Geschichte vom Zungenband meines Sohnes

Wenn ich heute an unsere Stillzeit zurückdenke, frage ich mich manchmal, warum damals eigentlich niemand genauer hingeschaut hat.

Stillzeit

Vor fast sieben Jahren kam mein erster Sohn Milo zur Welt. Ich hatte mich aufs Stillen gefreut, aber unser Start war alles andere als einfach. Milo nahm nach der Geburt sehr viel ab, wir mussten schnell zufüttern und ich hatte ständig wunde Brustwarzen und Milchstaus. Irgendwann haben wir uns irgendwie durchgekämpft. Wir haben weitergestillt und ich dachte, dass das eben unser Weg ist. Aber so richtig angenehm war das Stillen eigentlich nie. Ich weiß noch genau, dass ich meine Brust ständig festhalten musste, weil Milo das Vakuum einfach nicht richtig halten konnte. Sobald ich losließ, wurde es schwierig. Ich habe mir damals überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, warum das so ist. Ich kannte es ja nicht anders, meine Hebamme, mein Kinderarzt, meine Osteopathin – alle fanden es normal.

Und auch sonst war die erste Zeit wirklich anstrengend. Milo war ein Schreibaby, hat unglaublich viel geweint, sich ständig überstreckt und viel gespuckt. Dazu kam dieser häufige Schluckauf und das schwierige Einschlafen.

Wir haben so viel ausprobiert und ich habe mich oft gefragt, warum es bei uns eigentlich so schwierig ist.

Dass seine Zunge dabei möglicherweise eine Rolle spielen könnte, ist mir damals nicht in den Sinn gekommen.

Heute, fast sieben Jahre später, bin ich selbst Stillberaterin mit dem Schwerpunkt Zungenband. Und wenn ich an diese Zeit zurückdenke, sehe ich plötzlich so viele Dinge, die ich damals überhaupt nicht einordnen konnte.

Das macht mich manchmal auch traurig. Nicht, weil ich mir Vorwürfe mache, sondern weil ich mir gewünscht hätte, dass uns damals jemand auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht hätte.

Denn die Schwierigkeiten waren mit dem Ende unserer Stillzeit leider nicht vorbei.

Symptome im Kindesalter - Auch beim Essen und Zähneputzen gab es immer wieder Probleme

Als Milo größer wurde, hatten wir immer wieder Schwierigkeiten beim Zähneputzen. Er wollte sich einfach nicht die Zähne putzen lassen. Teilweise haben wir es wirklich nur geschafft, wenn nebenher ein Video lief.

Ich weiß noch, wie anstrengend das manchmal war. Jeden Tag die gleiche Diskussion und trotzdem mussten die Zähne natürlich geputzt werden.

Leider bekam Milo auch schon sehr früh Karies.

Heute weiß ich, dass die Zunge auch für die Mundhygiene wichtig ist. Sie hilft dabei, Speisereste zu entfernen, und auch eine häufig offene Mundhaltung kann die Mundgesundheit beeinflussen. Ob das bei Milo tatsächlich eine Rolle gespielt hat, kann ich nicht sicher sagen, aber rückblickend ist es eine weitere Auffälligkeit, über die ich heute anders nachdenke.

Noch viel deutlicher waren allerdings seine Schwierigkeiten beim Essen.

Wir haben Milo von Anfang an bei uns am Familientisch mitessen lassen. Er durfte alles kennenlernen, ausprobieren und selbst entscheiden, was er essen möchte.

Trotzdem war er unglaublich wählerisch. Er bevorzugte vor allem weiche Lebensmittel und hatte große Schwierigkeiten mit unterschiedlichen Konsistenzen.

Anfangs habe ich mir darüber gar nicht so viele Gedanken gemacht. Es gibt schließlich viele Kinder, die beim Essen wählerisch sind, und ich dachte, dass sich das irgendwann schon geben würde.

Aber es wurde nicht besser. Ganz im Gegenteil.

Mit fünf Jahren waren wir schließlich an einem Punkt, an dem Milo kaum noch feste Lebensmittel essen konnte.

Ich habe mich damals oft gefragt, warum ihm das Essen so schwerfällt. Wir hatten doch eigentlich von Anfang an alles angeboten.

Heute weiß ich, dass die Zunge beim Essen viel Arbeit übernimmt. Sie bewegt die Nahrung im Mund, transportiert sie zwischen die Zahnreihen und hilft beim Schlucken. Wenn diese Bewegungen eingeschränkt sind, kann das Essen tatsächlich schwierig werden.

Natürlich kann wählerisches Essen auch ganz andere Ursachen haben. Aber bei Milo war es später einer der Punkte, die wir genauer untersuchen lassen wollten.

Die Erkenntnis - Wie ich überhaupt auf das Zungenband aufmerksam wurde

Bis zu meiner Ausbildung zur Stillberaterin im Jahr 2024 hatte ich vom Thema Zungenband ehrlich gesagt überhaupt keine Ahnung.

Als wir dann während meiner Ausbildung zum Modul orale Restriktionen und das zu kurze Zungenband kamen, begann ich, über unsere eigene Stillgeschichte nachzudenken.

Moment mal. Schwierigkeiten beim Stillen, das fehlende Vakuum, die Probleme beim Essen ...

Irgendwie kam mir das alles ziemlich bekannt vor.

Als ich anschließend selbst als Stillberaterin arbeitete und immer mehr Fortbildungen zum Thema Zungenband absolvierte, erkannte ich immer mehr Parallelen zwischen den Babys, die ich begleitete, und meinem eigenen Sohn.

Aber soll ich etwas sagen? Anfangs wollte ich das nicht wahrhaben.

Ich dachte immer wieder: „Nein, mein eigenes Kind wird schon nicht betroffen sein.“

Vielleicht wollte ich mich auch einfach nicht damit beschäftigen, dass wir möglicherweise all die Jahre etwas übersehen hatten.

Doch je mehr ich über die Zungenfunktion lernte, desto mehr Auffälligkeiten erkannte ich bei Milo. Irgendwann war für mich klar, dass ich das endlich untersuchen lassen möchte.

Also nahm ich eines Abends all meinen Mut zusammen und wagte einen Blick unter seine Zunge und da war es - das Zungenband und es sah zu kurz aus.

Verkürztes Zungenband eines Kindes bei der Untersuchung, angehobene Zunge
Das zu kurze Zungenband von Milo

Endlich eine Erklärung – aber auch ganz schön viel Wut

Einen Termin im Zungenbandzentrum Plochingen haben wir zum Glück ziemlich schnell bekommen. Dort wurden wir von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Frau Dr. Voß wirklich toll begleitet. Sie haben sich viel Zeit genommen, Milos Zunge und die Funktion ausführlich untersucht und uns alles erklärt.

Es wurden Fotos von seiner Zunge gemacht, aber auch seine Körperhaltung und mögliche Spannungen wurden angeschaut. Denn wenn bestimmte Bewegungen über Jahre eingeschränkt sind, können Kinder eigene Strategien entwickeln, um das auszugleichen.

Und dann bestätigte sich tatsächlich mein Verdacht: Milos Zungenband schränkte seine Zungenbeweglichkeit ein.

Im ersten Moment war ich einfach nur erleichtert. Endlich hatte ich eine mögliche Erklärung für so viele Schwierigkeiten, die uns seit seiner Geburt begleitet hatten.

Gleichzeitig war ich auch wütend. Wütend darüber, dass wir fast sechs Jahre lang mit diesen Schwierigkeiten gelebt hatten und niemand auf die Idee gekommen war, sich seine Zungenfunktion genauer anzuschauen. Wir hatten so einen schwierigen Stillstart, die vielen unruhigen Nächte, die Probleme beim Essen ... Und die ganze Zeit wusste ich nicht, dass seine Zunge möglicherweise eine Rolle dabei spielen könnte.

Natürlich kann ich heute nicht sagen, welche Schwierigkeiten tatsächlich durch das Zungenband verursacht wurden. Trotzdem kam immer wieder dieser Gedanke:

Warum hat das eigentlich niemand früher erkannt? Aber gleichzeitig war ich froh, dass wir jetzt endlich wussten, wo wir ansetzen konnten.

Die Vorbereitung - Vier Monate Vorbereitung und nicht immer lief alles nach Plan

Nach der Diagnose meldete ich mich bei unserer spezialisierten Logopädin.

Mir war es besonders wichtig, jemanden an unserer Seite zu haben, der sich mit dem Thema Zungenband und myofunktioneller Therapie auskennt. Ich habe festgestellt, dass es gar nicht so einfach ist, eine entsprechend spezialisierte Logopädin oder einen Logopäden zu finden.

Ungefähr vier Monate vor der geplanten Trennung begannen wir mit der Vorbereitung.

Gina schaute sich zunächst an, wie Milo schluckt, spricht und wo seine Zunge liegt, wenn er gerade nichts mit ihr macht. Anschließend zeigte sie uns verschiedene myofunktionelle Übungen, beispielsweise das Ansaugen der Zunge am Gaumen.

Und dann hieß es für uns: jeden Tag üben.

Milo hatte schließlich fast sechs Jahre lang gelernt, mit seiner eingeschränkten Zungenbeweglichkeit zurechtzukommen. Er hatte sich bestimmte Bewegungsmuster angewöhnt, um die Einschränkungen auszugleichen.

Denn nur weil die Zunge nach einer Trennung plötzlich beweglicher ist, bedeutet das nicht automatisch, dass ein Kind diese neue Beweglichkeit sofort nutzen kann.

Genau deshalb mussten wir schon vor dem Eingriff damit beginnen, neue Bewegungen zu üben. Ich wäre allerdings nicht ehrlich, wenn ich behaupten würde, dass das immer problemlos funktioniert hätte. Es gab Tage, an denen Milo weniger Lust hatte.

Zusätzlich haben wir Physiotherapie und Osteopathie in Anspruch genommen, weil wir auch seine Körperhaltung und mögliche Spannungen begleiten lassen wollten.

Die Trennung - Der Tag der Zungenbandtrennung

Im Januar war es dann endlich so weit.

Nach ungefähr vier Monaten Vorbereitung sollte Milos Zungenband getrennt werden. Er war inzwischen sechs Jahre alt und wir hatten uns wirklich lange mit diesem Eingriff beschäftigt. Vor Ort wurde noch einmal eine ausführliche Funktionsanalyse gemacht. Anschließend wurde Milo unter Vollnarkose behandelt. Der Eingriff dauerte ungefähr 30 Minuten und die Wunde wurde mit fünf Stichen genäht (Beim Säugling wird im Regelfall die Wunde nicht genäht). Und dann war es geschafft.

Ich war natürlich unglaublich gespannt, wie Milo auf seine plötzlich viel beweglichere Zunge reagieren würde.

Seine erste Reaktion war, dass sich alles ganz komisch anfühlte. Die Zunge war zunächst noch etwas taub und das neue Gefühl war für ihn völlig ungewohnt.

Kurz darauf meinte er dann:

„Mama, meine Zunge klebt oben fest. Ich kann sie überhaupt nicht runterdrücken!“

Das fand ich wirklich interessant, weil er seine Zunge natürlich sein ganzes Leben lang nur mit der bisherigen Beweglichkeit gekannt hatte.

Auch beim ersten Versuch zu trinken hat man das deutlich gemerkt. Er wusste zunächst gar nicht so richtig, wie er seine Zunge beim Schlucken bewegen sollte. Sie schien ihm plötzlich im Weg zu sein.

Aber schon ungefähr eine Stunde nach dem Eingriff sind mir die ersten Veränderungen aufgefallen. Auf der Hinfahrt hatte Milo seinen Mund noch häufig geöffnet. Auf der gesamten Rückfahrt war sein Mund dagegen geschlossen. Wie hängt das zusammen? In der natürlichen Zungenruhelage sollte die Zunge großflächig oben am Gaumen liegen und der Mund geschlossen sein. Ist ein Zungenband zu kurz, ist das schwer möglich, die Zunge liegt unten und der Mund ist dann auch häufig offen.

Außerdem hat er seine Zunge viel mehr bewegt als vorher. Ich konnte beim Sprechen plötzlich die Unterseite seiner Zunge sehen und hatte das Gefühl, dass sie viel mehr Platz im Mund einnahm. Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass mir direkt nach dem Eingriff schon solche Unterschiede auffallen würden.

Die Nachsorge - Wie ging es Milo nach der Trennung?

Die ersten Tage verliefen bei uns zum Glück ziemlich unkompliziert. Milo hatte am ersten Tag keine nennenswerten Schmerzen und konnte ungefähr sechs Stunden nach der Operation wieder essen und trinken. Am nächsten Morgen fiel mir direkt auf, dass seine Nase beim Aufwachen frei war.

Zwei Tage nach der Trennung waren noch alle Nähte vorhanden und die Wunde sah gut aus.

Und Milo selbst? Dem ging es super. Er war fit, hat gespielt und konnte schon einiges essen.

Ich hatte ehrlich gesagt mit deutlich mehr Beschwerden gerechnet und war wirklich froh, dass er den Eingriff so gut überstanden hatte.

Natürlich kann die Heilung bei anderen Kindern auch ganz anders verlaufen.

Auch nach der Trennung haben wir täglich unsere myofunktionellen Übungen und die empfohlenen Körperübungen gemacht.

Nachdem ein Großteil der Fäden herausgefallen war, haben wir außerdem mit dem individuell angeleiteten Wundmanagement begonnen. Bei uns war das alle vier bis sechs Stunden vorgesehen.

Was mir in den ersten Wochen besonders auffiel, war seine Zungenruhelage. Seine Zunge lag jetzt viel häufiger oben am Gaumen und er schien sich nach und nach immer besser an die neue Beweglichkeit zu gewöhnen.

Was hat sich seitdem verändert?

10 Monate sind nach dem Eingriff vergangen. Wenn ich heute auf die Zeit vor der Zungenbandtrennung zurückblicke, hat sich bei Milo wirklich einiges verändert.

Am deutlichsten merken wir es beim Essen.

Während er früher kaum feste Lebensmittel essen konnte, ist inzwischen praktisch alles möglich. Egal ob Soßen, feste Lebensmittel oder unterschiedliche Konsistenzen – er isst heute Dinge, die früher überhaupt nicht funktioniert haben. Und ich kann euch sagen, wie erleichternd das ist, wenn Essen nicht mehr ständig ein schwieriges Thema ist.

Auch beim Schlafen hat sich einiges verändert. Seit dem Eingriff schläft Milo einfach durch, wacht nachts nicht mehr regelmäßig auf und schläft deutlich schneller ein.

Sein Mund ist inzwischen tagsüber ungefähr 90 Prozent der Zeit geschlossen. Nachts sogar praktisch immer, außer wenn seine Nase durch eine Erkältung verstopft ist.

Außerdem habe ich das Gefühl, dass Milo insgesamt beweglicher geworden ist und aufrechter läuft.

Und was mir persönlich besonders auffällt: Er ist viel fröhlicher und spricht deutlich mehr als früher.

Manchmal frage ich mich, ob ihm längeres oder lauteres Sprechen durch seine eingeschränkte Zungenbeweglichkeit vielleicht früher mehr Mühe gemacht hat, als wir überhaupt bemerkt haben.

Ob das tatsächlich so war, kann ich aber nicht sicher sagen.

Doch es hat sich nicht alles verändert. Sein Zahnstand ist beispielsweise weiterhin eng und möglicherweise wird er später noch eine kieferorthopädische Behandlung benötigen.

Würde ich mich wieder für die Trennung entscheiden?

Ja, auf jeden Fall.

Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Milo wurde ausführlich untersucht, wir haben uns intensiv mit dem Thema beschäftigt und ihn mehrere Monate auf den Eingriff vorbereitet.

Und wenn ich heute sehe, wie viel leichter ihm manche Dinge fallen, bin ich wirklich froh, dass wir diesen Weg gegangen sind.

Ich frage mich manchmal, wie unser Stillstart und seine weitere Entwicklung wohl ausgesehen hätten, wenn das Zungenband schon früher erkannt worden wäre.

Hätten wir uns manche Schwierigkeiten ersparen können? Vielleicht. Aber das werden wir nie wissen. Und natürlich hätte eine frühere Trennung auch nicht automatisch bedeutet, dass alle Probleme verhindert worden wären.

Resümee

Ich möchte mit diesem Beitrag auch nicht sagen, dass jedes kurze Zungenband getrennt werden muss. Ganz im Gegenteil. Entscheidend ist immer, ob die Zungenfunktion tatsächlich eingeschränkt ist, welche Schwierigkeiten bestehen und ob möglicherweise andere Ursachen dahinterstecken.

Ich möchte einfach unsere Geschichte erzählen, weil ich mir damals gewünscht hätte, dass jemand genauer hingeschaut hätte.

Vielleicht erkennt sich die eine oder andere Familie in unserer Situationen wieder.

Eventuell hattet ihr ebenfalls einen schwierigen Stillstart oder euer Kind hat Schwierigkeiten beim Essen bestimmter Konsistenzen.

Das bedeutet natürlich nicht automatisch, dass ein verkürztes Zungenband dahintersteckt. Aber es kann ein Grund sein, die Zungenfunktion genauer untersuchen zu lassen.

Und wenn ich heute an unseren Stillstart vor fast sieben Jahren zurückdenke, hätte ich mir einfach gewünscht, dass uns damals jemand auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht hätte.

Du hast Fragen zum Zungenband deines Babys?

Als zertifizierte Stillberaterin mit dem Schwerpunkt orale Restriktionen begleite ich Familien bei Fragen rund um die Zungenfunktion.

Wenn du bei deinem Baby Auffälligkeiten beobachtest oder dir unsicher bist, kannst du dich gerne bei mir melden. Gemeinsam schauen wir, ob eine weiterführende Untersuchung sinnvoll sein könnte.

Deine Sarah von Stillmagie